
Erklärung
Die Multiple Sklerose ist die häufigste meist chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems im Erwachsenenalter ( 20. bis 40. Lebensjahr) und geht mit der Bildung entzündlicher Herde in Gehirn und Rückenmark einher. Sie verläuft anfangs meist in Schüben mit Perioden der Besserung, sogenannten Remissionsphasen, im späteren Verlauf oft chronisch progredient. Die eigentliche Ursache der Erkrankung ist noch unbekannt. Im aktiven Krankheitsstadium führt ein überaktives und fehlgeleitetes Immunsystem zu autoaggressiver Zerstörung von Nervengewebe mit nachfolgender Vernarbung (Sklerosierung) und mannigfaltigen Krankheitssymptomen: z.B. Sehstörungen, Lähmungen, Koordinationsstörungen, Sensibilitätsstörungen, Blasenfunktionsstörungen, Tagesmüdigkeit (Fatigue), Depressionen, kognitiven Störungen etc.
Diagnose
In der Klinik Dr. Evers wird die Multiple Sklerose in allen Krankheitsstadien diagnostiziert und behandelt. Zur Diagnose werden die Vorgeschichte, der neurologische Untersuchungsbefund, die Ergebnisse der Untersuchung des Liquors, der neurophysiologischen Diagnostik (z.B. evozierte Potentiale) und von bildgebender Diagnostik (Kernspintomographie) herangezogen. Sämtliche hierzu notwendigen Methoden werden an unserer Klinik praktiziert.
Behandlung
Die Behandlung umfasst die Therapie akuter Schübe (z.B.Kortisonbehandlung), ebenso wie die Schubprophylaxe mit Interferonen, Glatirameracetat, Azathioprin oder Immunglobulinen. Wenn notwendig, kann Mitoxantron eingesetzt werden. Die im Einzelfall sehr unterschiedlichen Symptomatik wird mit einem individuell abgestimmten Programm spezieller, adjuvanter und komplementärer Therapieformen begegnet. Hierzu gehören spezielle Strategien zur Behandlung von unter anderem Blasenfunktionsstörungen, Schmerzen, spastischen Lähmungen, Gangstörungen und Gedächtnisstörungen. Wesentliche Bestandteile sind dabei das individuell zusammengestellte Physiotherapie-Programm und ein auf den Einzelfall abgestimmtes ernährungsmedizinisches Konzept ebenso wie die Anwendung verschiedener Entspannungtechniken und die neuropsychologische und psychotherapeutische Betreuung.
Die Formen der MS
Ziele der Behandlung
Abhängig von der klinischen Verlaufsform und der Phase der MS können unterschiedliche Ziele einer Behandlung definiert werden.
Therapiemethoden
Trotz der vielfältigen Nebenwirkungen zählen die Kortikosteroide bei dem Auftreten eines akuten Schubes zu den Medikamenten erster Wahl. Ihre entzündungshemmende Wirkung und die Tatsache, dass sie in der Lage sind, die Blut-Hirn-Schranke relativ schnell wieder abzudichten führen kurzfristig zum gewünschten Erfolg, der Effekt auf den Langzeitverlauf der MS ist allerdings sehr umstritten.
Die Behandlung mit Corticoiden sollte sich als Regelbehandlung auf die schubförmig verlaufende MS beschränken; beim chronisch-progredienten Verlauf greift man auf andere Therapien zurück.
Wegen der möglichen Nebenwirkungen bei längerer Corticoidbehandlung (Bluthochdruck, Osteoporose, Cushing-Gesicht, NUR-Insuffizienz, Ulcus ventriculi, etc.) wird diese Behandlung als Stoßtherapie für 3-5 Tage empfohlen. Hieran muß sich dringend eine weitere klinische Behandlung anschliessen, um eine Stabilisierung der Erkrankung zu erreichen.
Bei den in Frage kommenden Patienten sollte hier ein möglichst frühzeitiger Therapiebeginn mit einer etablierten immunmodulatorischen Substanz zur Prophylaxe der Krankheitsprogression erfolgen.
Modifikationen der immunprophylaktischen Therapie sollte immer in Absprache mit einem in der MS-Therapie erfahrenen Zentrum durchgeführt werden.
Erfolg und Versagen einer solchen Therapie können im Einzelfall oft erst nach Monaten beurteilt werden.
Notwendig ist eine intensive fachärztliche Beratung und Beobachtung in der Einstellungsphase.
Diese Behandlungsform ist inzwischen in den Hintergrund getreten, da sich in den letzten Jahren Fortschritte durch neue Medikamente ergeben haben, die durch ihren Einfluß auf das immunregulatorische Netzwerk des Körpers bei einem Teil der Patienten Besserungen erzielen konnten.
Erhebliche Erfolge neben anderen Behandlungen entstehen durch die Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage (Bobath, Vojta, PFN). Bei neurologischen Ausfällen wird in der gezielten Behandlung die Spastik gehemmt und die normale Bewegung wieder angebahnt.
Schmerztherapie und manuelle Therapie werden ergänzend durch einen Arzt angeboten. Massagen und die manuelle Lymphrdrainage gehören ebenfalls zu den physikalischen Therapien.
Die Ergotherapie umfaßt motorisches Training der oberen Extremitäten (Feinmotorik) und des Rumpfes (Sitzkontrolle), Schulungen von Oberflächen- und Tiefensensibilität der Hände, Übungsbehandlungen der Konzentration, Merkfähigkeit, Selbsthilfetraining für die Aktivitäten des täglichen Lebens.
Schon beim ersten Krankenhausaufenthalt kommt es bei Multiple Sklerose in 20% der Fälle zu ersten Störungen der Blasenfunktion. Schwere Blasenfunktionsstörungen bis hin zur Inkontinenz sind meistens erst im späteren Krankheitsverlauf zu finden. Ca. 50% der MS-Patienten leiden im Verlauf der Erkrankung unter Miktionsstörungen. Durch den Verbleib des Restharns in der Blase entstehen häufig Harnwegsentzündungen.
Charakteristisch ist auch der imperative Harndrang, der die Blasenentleerung unkontrollierbar macht. Das führt nicht selten zum Einnässen.
MS-Patienten neigen zur Obstipation, welche durch Bewegungsmangel noch verstärkt wird.
Dieses häufige Symptom bei der MS erfordert eine gezielte Differenzierung der Funktionstörung damit eine individuelle Behandlung erfolgen kann. Neben einer medikamentösen Therapie ist z.B. ein regelmäßiges Blasenentleerungstraining wichtig.
Alternative Therapien
Neben immunologischen Störungen beherrschen Entzündungsreaktionen den Krankheitsprozeß. Diese gilt es durch eine geeignete Ernährung zu minimieren. Es konnte festgestellt werden, dass MS-Kranke im Blut und in der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit erniedrigte Konzentrationen ungesättigter Fettsäuren aufweisen. Dies läßt darauf schließen, dass durch den Entzündungsvorgang im Körper große Mengen dieser Fettsäuren verbraucht werden.
Insbesondere muß eine erhöhte Zufuhr der Arachidonsäure verhindert werden. Sie ist die Ausgangssubstanz für die Entstehung sogenannter Prostaglandine, Thromboxane und Leukotriene, der stark entzündungsfördernden Botenstoffe.
Wir erreichen dieses Ziel durch eine Ernährungsumstellung auf eine lacto-vegetabile Vollwertkost unter Zugabe von ungesättigten Fettsäuren vom Omega 3 - Typ. Die einzelnen Variationen der Evers-Diät werden durch den behandelnden Arzt und die Diätologin individuell auf den Patienten angepasst. Durch diese Ernährung werden vermehrt die notwendigen Vitamine, Antioxydantien und sekundären Pflanzenstoffe dem Patienten zugeführt und damit die Entzündungsbereitschaft z. B. bei der Multiple Sklerose und bei einigen anderen chronisch degenerativen neurologischen Leiden vermindert.
Krankheitsbewältigung
Die Auswirkungen von Depressionen und fehlender Krankheitsbewältigung auf das Immunsystem werden heute nicht mehr in Frage gestellt.
Deshalb ist wegen der enormen psychischen Belastung eine behutsame psychologische Intervention des Arztes besonders wichtig.
Multiple Sklerose Patienten brauchen ein offenes Arzt-Patient-Verhältnis.
Bei schweren depressiven Verstimmungen wird häufig mit Hilfe von psychotherapeutischen Gesprächen und einer antidepressiven Medikation versucht, auf das Wohlbefinden der Patienten Einfluß zu nehmen. Auch durch das ärztlich geleitete Autogene Training und die progressive Muskelentspannung nach Jacobson wird dieses Ziel unterstützt.
Bei der MS hat sich der Feldenkrais bewährt. Der Patient erfährt unter Anleitung seine vorhandene Bewegungsfähigkeit auf sanfte Art zu vergrößern - ohne Schmerz und Anstrengung. Schmerzhafte, eingeschränkte Bewegungen werden zu harmonischen, schmerzfreien und fließenden Bewegungsabläufen.